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Malaysia II

2. Station: Ipoh

 

Nach 3 Tagen verlassen wir Kuala Lumpur mit dem Zug – unser Ziel ist die Stadt Ipoh, etwa 200km nördlich im Bezirk Perak. Ipoh ist die Bezirkshauptstadt und erfuhr in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein rasantes Wachstum, nachdem im Tal um den Fluss Kinta, an dem die Stadt liegt, reiche Zinnvorkommen entdeckt wurden.  Als in den 50er Jahren die Zinnpreise dann in den Keller stürzten, verließen viele Menschen die Stadt, die aber mit  ca. 670.000 Einwohnern noch immer zu den größten Malaysiens zählt.

Eigentlich war geplant mit dem Bus dorthin zu reisen, aber nachdem wir erfahren, dass der Busbahnhof in KL kurzerhand ans andere Ende der Stadt verlegt wurde, steigen wir auf den Zug um. Keine schlechte Entscheidung, wie sich herausstellt – die Züge in Malaysien sind sauber und modern. Die Fahrt dauert etwa eineinhalb Stunden, in denen ich Musik höre, mir die Landschaft anschaue und unmotiviert aus dem Fenster knipse. Mein anfänglicher Verdacht bestätigt sich später: bei 100 km/h durch die Scheibe die Landschaft zu fotografieren kann man sich getrost abschminken. Lediglich ein Foto gelingt halbwegs. Nach der Zugfahrt weiß ich: das malaysische Hinterland besteht aus jeder Menge Dschungel, noch mehr roter Erde und einigen dicht bewaldeten Bergen am Horizont.


Trotz seiner hohen Einwohnerzahl fühlt sich Ipoh wie eine Kleinstadt an. Touristen landen hier scheinbar selten und so ziehen wir als vermutlich einzige Europäer allerorts neugierige Blicke auf uns und einige Passanten lassen sich sogar zu einem freundlichen „Welcome to Malaysia!“ hinreißen.


Gegessen wird auch hier wieder bei den Hawkern, die sich darüber freuen, dass wir Touristen nicht bei McDonald’s, KFC und Co speisen, sondern ganz authentisch auf Plastikmöbeln in ihren Buden. Ein chinesischer Oppa nimmt mich beim ersten Mittagessen gleich unter seine kulinarischen Fittiche und bereitet mir mit großem Enthusiasmus eine „Pork Noodle Soup“ zu, die sich im Nachhinein als eines der faderen Gerichte der Reise herausstellt. Aber er freut sich einen waschechten Europäer zu bekochen und ich freu mich für ihn.


Was Ipoh an Sehenwürdigkeiten zu bieten hat, beschränkt sich auf einige Tempel am Stadtrand und eine handvoll Kolonialstilgebäude, von denen eines Schauplatz meines persönlichen fotografischen Waterloos wird. Als wir abends unser Hotel verlassen, um noch schnell wo was zwischen die Zähne zu bekommen, laufen wir am Hauptbahnhof vorbei, der im Reiseführer lobend als „schönstes Gebäude in ganz Ipoh“ erwähnt wird. Und die Szenerie könnte kaum schmeichelnder sein: am Horizont noch das letzte Licht des Tages, türmen sich bedrohlich Gewitterwolken über dem Bahnhof auf und verleihen der Szene eine schon fast dramatische Note. Jahre später wird der beiwohnende Fotograf einem geneigten Aspiranten erzählen, wie er vor Ort feststellen musste, dass er sein Stativ vergessen hatte, noch kurz unbeholfen ein paar Fotos mit höchster ISO-Anzahl schoss und sich schließlich ins benachbarte Hochgebirge zurückzog, wo er sieben Jahre lang in einer Höhle weinte. Naja, mit solchen Rückschlägen muss man einfach leben.


Die Tempelanlagen erweisen sich jedenfalls als sehr hübsch, besonders der Kek Lok Tong Tempel, der an seiner Rückseite an ein malerisches kleines Tal anschließt, das von einigen Gärtnern in Schuss gehalten und sogar von Joggern frequentiert wird.

 

Wenn über Ipoh die Nacht hereinbricht, öffnet der hiesige Nightmarket, wo die Standler angenehm unaufdringlich mit günstiger Designerkleidung und Accessoires locken. Bei einem Streifzug durch ebendiesen entdecken wir ein sehr schönes chinesisches Teehaus, das gerade am Schließen ist. Als man uns bemerkt ist das Interesse abermals groß und wir müssen versprechen am nächsten Morgen zum Frühstück vorbeizuschauen. Zufrieden einen netten Platz für die wichtigste Mahlzeit des Tages gefunden zu haben, schlendern wir nach hause und stehen am nächsten tag pünktlich um 9 auf der Matte. Nach der anfänglichen Euphorie entpuppt sich die ganze Sache aber als klassischer Fall von „ich hätte es wissen müssen“, denn aus Erzählungen weiß ich eigentlich über asiatisches Frühstück bescheid. Die Sache ist nämlich die, dass sich asiatisches Frühstück im Wesentlichen weder von asiatischem Mittagessen, noch von asiatischem Abendessen unterscheidet. Nachdem wir allerdings von der gesamten Belegschaft freudig in Empfang genommen wurden, ist die moralische Hintertür nun  regelrecht verbarrikadiert und wir durchforsten fieberhaft die Speisekarte nach Gerichten, die man nicht als Raketentreibstoff verwenden könnte. Während die anderen auf harmlos klingende Beilagen ausweichen, bringe ich meine gesamte Schneid auf und bestelle ein Schwarztee-Curry – man lebt schließlich nur einmal. Geschmacklich haut mich das Teil wirklich vom Hocker, nicht zuletzt deswegen, weil der Koch mit dem Chili nicht gespart hat. Neben kulinarischen Höhepunkten in aller Frühe bietet der Laden aber auch wirklich was fürs Auge, denn verschiedene erlesenste Teesorten werden hier unfassbar stylisch in gepresster Form feilgeboten. Ähnlich wie bei Wein, reifen manche Tees über Jahre und gewinnen dadurch ein einzigartiges Aroma, welches sich Teeliebhaber schon mal um die tausend Euro kosten lassen, doziert einer der Angestellten.  Der Tee, den ich von dort mit nach hause nehme, ist gottseidank etwas günstiger.


Nach knapp zwei Tagen in Ipoh klettern wir in den Bus, der uns weiter nach Norden auf die Insel Penang bringt. Ich probiere nochmal aus, ob man aus fahrenden Bussen besser als aus fahrenden Zügen fotografieren kann und komme zu dem Schluss, dass ich auf den Fahrten lieber schlafen sollte. Stück für Stück bringt uns der Bus zurück auf die touristische Route, von der wir vor zwei Tagen ausgeschert sind, aber dazu das nächste Mal mehr…


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